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Wolfgang Fuchs

Jahrgang 1937

„Damit das Mögliche entsteht, muss immer wieder das Unmögliche versucht werden“

Bei dem Wort Träume bin ich zurückhaltend. Ich verstehe Menschen, die sich im Alter noch etwas erhoffen, erträumen, aber für mich trifft das nicht zu. Da bin ich einfach zu sehr Realist. Ich selbst hatte nie Träume in dem Sinn. Ich hatte gewisse Vorstellungen und habe versucht, diese dann auch anzupacken, zu verwirklichen: Damit das Mögliche entsteht, muss immer wieder das Unmögliche versucht werden. Und das Unmögliche zu versuchen – dabei hilft mir mein Glaube, das ist für mich die Basis: Dass ich mir sage, ich kann aufgrund meines Glaubens auf einem Fundament agieren, das mich trägt. Ich bin dankbar dafür, dass ich so leben darf, wie ich heute lebe. Mit meiner Frau, den Töchtern und Enkeln. Mit dem, was ich erreicht habe, mit dem auch, wie ich Schwieriges überstanden habe. Für mich ist passend das Wort Dankbarkeit.

„Ein geborener und gebliebener Altstädter“, so drückt Wolfgang Fuchs, Jahrgang 1937, seine Verwurzelung in dem Bayreuther Stadtteil aus. Seine Familiengeschichte ist präsent in der Altstadt: Nach seinem Großvater, dem Zimmerer und Unternehmer Jakob Fuchs ist die Jakob-Fuchs-Straße benannt, er hatte seinen Betrieb 1893 gegründet, viele Häuser im Stadtteil wurden bei ihm und seinen Nachfahren in Auftrag gegeben. Wolfgang Fuchs hat das Familienunternehmen in dritter Generation geführt. „Damit das Mögliche entsteht, muss immer wieder das Unmögliche versucht werden“ – dieses Zitat des Dichters Hermann Hesse, das auch im Gesangbuch steht, ist für den Baumeister ein Leitsatz in seinem Leben.

Wolfgang Fuchs wurde 1937 geboren. Sein Vater Hans, Zimmermeister wie der Großvater, musste in den Krieg, die Mutter zog den Sohn groß, dem später noch zwei Schwestern folgten. Seine Kindheit in den Kriegsjahren empfindet Wolfgang Fuchs rückblickend als prägend für seine Lebenshaltung: „Man war gefordert, schon als Kind, man musste sich behaupten und trotzdem andere Menschen akzeptieren und gut mit ihnen in Verbindung sein.“ Die Mutter habe ihm hier eine Stärke mitgegeben, die er sich bis heute habe erhalten können.

Seine Jugendjahre in der Zeit des Wiederaufbaus spielten sich ab zwischen Oberschule, dem Zimmerei- und Baugeschäft – und der evangelischen Jugend: Durch sie kam Wolfgang Fuchs mit 15 Jahren zur Trompete und zum Posaunenchor Bayreuth-Altstadt, in dem auch schon sein Vater Posaune spielte. Lebenslange Freundschaften entstanden, Wolfgang Fuchs blieb 65 Jahre lang aktiver Bläser, darunter mehr als dreißig Jahre als Obmann: „Der Posaunenchor, die Freude an der Musik, das freundschaftliche Miteinander dort hat mich getragen. Man hatte einfach das Gefühl, dort gut aufgehoben zu sein – und konnte das dann auch Jüngeren weitergeben.“

Nach der Oberschule dann der Weg ins Berufsleben: „Du wirst später einmal kein Holzkopf“ hatte sein Patenonkel scherzhaft zu ihm gesagt, „du machst einen Maurer“. Tatsächlich machte Wolfgang Fuchs zunächst ein Praktikum als Maurer, studierte in Nürnberg Architektur und Hochbauingenieurswesen, bevor er dann nach dem Abschluss zunächst als Angestellter bei seinem Vater in die Firma einstieg. Der Berufswahl war kein langwieriger Entscheidungsprozess vorausgegangen: „Es war damals anders als heute, dass man sich aussucht, was man wird. Es gab nicht die Freiheit, dass ich mir überlege: Werde ich jetzt Beamter oder Banker oder steige ich doch in den elterlichen Betrieb ein?“ Trotzdem, er habe es nicht als Zwang, sondern eher als eine innere Verpflichtung empfunden, die auch in der Erziehung begründet war. Dazu kam, dass er sich immer dem Handwerk verbunden gefühlt habe, ebenso wie seine Frau Helga, eine Nürnbergerin, die aus einer Bäckerei stammt. Und es sei schließlich eine spannende Aufgabe, Unternehmer zu sein: „Man ist auf den Zug des Familienbetriebs aufgesprungen, ja – aber man ist ja nicht bloß mitgefahren, sondern war vorne dran, konnte Weichen stellen und entscheiden, wo der Zug hinfährt: Baue ich ein möglichst großes Unternehmen, bei dem ich irgendwann nicht mehr weiß, wo es endet? Oder erhalte ich für meine Mitarbeiter eine Betriebsgröße, in der es nicht in erster Linie um mich geht, ich etwa einem Wunschtraum hinterherjage, ein großer Baumeister zu werden, sondern dass ich dafür da bin, dass ich meinen Mitarbeitern die Arbeitsstelle erhalte und junge Leute ausbilde.“

Wolfgang Fuchs hat sich klar für letztgenanntes Ziel entschieden, hat seine Mitarbeiter gefordert und gefördert, viele von ihnen haben sich später selbständig gemacht: „Wir haben natürlich den Erfolg gesucht und auch gefunden – aber nicht auf Kosten der Mitarbeiter, sondern als Team.“ Der bis heute bestehende herzliche Kontakt mit den ehemaligen Mitarbeitern zeigt ihm, dass das gelungen ist. „So schön wie bei Euch war es nirgendwo mehr“, hat eine Mitarbeiterin einmal zu ihm gesagt. Das Unternehmen erlebte gerade in den 1980er und 90er Jahren große Erfolge, macht sich weit über die Grenzen Oberfrankens hinaus einen Namen mit Bauten, Sanierungen, Restaurierungen, nach 1989 auch in den neuen Bundesländern. Es sei nie sein Ziel gewesen, bestimmte Prestigeobjekte zu betreuen, so Wolfgang Fuchs, es habe sich einfach so ergeben, das Unternehmen wurde weiterempfohlen, er wurde zudem oft als Berater hinzugezogen: „Und wenn Chancen vorbeilaufen, dann zupacken!“ Zu solchen Chancen, die Wolfgang Fuchs anpackte, zählten unter anderem das Schloss Meseberg, das heutige Gästehaus der Bundesregierung, und die Restaurierungsarbeiten von Schloss Belvedere in Sanssouci in Potsdam. Arbeiten auf Augenhöhe mit den Auftraggebern, das war ihm dabei immer wichtig gewesen. Nebenbei engagierte sich Wolfgang Fuchs ehrenamtlich in Kirche und Gesellschaft, so, wie es auch sein Vater und sein Großvater getan hatten. Ein Beispiel ist der Verein „Christen schaffen Wohnungen“, dessen zweiter Vorsitzender er war: „Vielleicht kann man sagen: Mit unserem Verein konnten wir bedürftigen Menschen ein Stück weit helfen, ihre Träume, Hoffnungen, Wünsche zu verwirklichen.“ Anderen helfen, sich einen Traum zu erfüllen – dazu kann man auch zählen, dass das Ehepaar Fuchs für die Dorfkirche St. Michaelis zu Wiedersberg eine Orgel spendete; Wolfgang Fuchs und seine Mitarbeiter hatten den zusammenbrechenden Dachstuhl der Kirche denkmalgerecht wieder aufgebaut.

Im Jahr 2009 schloss Wolfgang Fuchs das Zimmerei- und Baugeschäft nach 115 Jahren Firmengeschichte. Die Jahre zuvor waren nicht einfach gewesen: Nachdem das Turnhallendach einer Schule eingestürzt war, wurde der Betrieb für den Schadensfall öffentlich verantwortlich gemacht. In einem kräftezehrenden Prozess konnte Wolfgang Fuchs nachweisen, dass sein Betrieb nicht schuldig war. Er kann mittlerweile Frieden schließen mit diesen Jahren: „Ich bin dankbar, dass der riesige Prozess schließlich gut ausgegangen ist, und dass meine Mitarbeiter ihren Weg finden konnten.“

Getragen hat ihn gerade in diesen schwierigen Jahren sein Glaube, den er mit einem kleinen Bild auf den Punkt bringt, das er sich als Student einmal aus den Nürnberger Nachrichten ausgeschnitten hat. Zu sehen ist ein Mensch, der auf ein Ziel zugeht, es tut sich ein Graben vor ihm auf – und eine Hand von oben trägt ihn darüber hinweg: „Das ist es doch: Wenn ich Ziele habe und merke, ich stoße auf Schwierigkeiten, dass ich dann weiß: Mich trägt jemand.“

„Eure Alten sollen Träume haben“ – was klingt bei Wolfgang Fuchs an, wenn er diesen Vers hört? „Bei dem Wort Träume bin ich zurückhaltend. Ich verstehe Menschen, die sich im Alter noch etwas erhoffen, erträumen, aber für mich trifft das nicht zu. Da bin ich einfach zu sehr Realist. Ich selbst hatte nie Träume in dem Sinn. Ich hatte gewisse Vorstellungen, und habe versucht, diese dann auch anzupacken, zu verwirklichen: Damit das Mögliche entsteht, muss das Unmögliche versucht werden.“ Und dieses Unmögliche zu versuchen, das geht für Wolfgang Fuchs auf der Basis seines Glaubens. Er greift noch einmal auf das kleine Bild mit dem Graben zurück: „Es ist der Glaube, das Wissen darum, dass ich den Sprung über den Graben schaffen kann, weil ich zu 100 Prozent weiß, dass ich sicher wieder lande. Das habe ich immer wieder erfahren, gerade auch während des Prozesses. Da waren viele Ängste, Hoffnungen und Befürchtungen. Wenn man da nicht weiß, dass einen einer hält! Das ist für mich die Basis: Dass ich mir sage, ich kann aufgrund meines Glaubens auf einem Fundament agieren, das mich trägt.“

„Eure Alten sollen Träume haben“ – Wolfgang Fuchs könnte sich vorstellen, das Wort Träume durch Dankbarkeit zu ersetzen: „Wenn ich sagen würde, ich habe jetzt für meine nächsten Jahre Hoffnungen oder Träume, dann wäre das für mich falsch. Ich habe keine zusätzlichen Wünsche – freilich, Gesundheit und dass ich im Alltag noch mithelfen möchte. Aber ich würde lieber sagen: Ich bin dankbar dafür, dass ich so leben darf, wie ich heute lebe. Mit meiner Frau, den Töchtern und Enkeln. Mit dem, was ich erreicht habe, mit dem auch, wie ich Schwieriges überstanden habe. Für mich ist passend das Wort Dankbarkeit.“ Ein sehr konkreter Traum aber fällt Wolfgang Fuchs dann doch noch ein: „Die Wiederkehr des Taufsteins in der Gottesackerkirche!“ Der Taufstein, über dem er getauft wurde, ist nämlich seit den Sanierungsarbeiten in den 1980er Jahren verschwunden – Wolfgang Fuchs würde es zu gerne erleben, dass der Stein wieder an seinen Bestimmungsort zurückkehrt. Vielleicht könnte man es, seinem Motto getreu, als die Bitte formulieren: Dass auch hier das Unmögliche versucht wird, damit das Mögliche entsteht.

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