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Ursula Frenzel

Jahrgang 1943

„Ich habe eigentlich nie von einem anderen Leben geträumt“

Ich habe eigentlich nie von einem anderen Leben geträumt. Unser Fahrradgeschäft, das war mein Leben – vielleicht kann man sagen: das war auch mein Traum, dass ich das machen darf, und ich bin so dankbar, dass mein Sohn das Geschäft jetzt weiterführt. Von etwas anderem träumen – um Gottes willen, nein! Für mich träume ich nicht, wie es weitergehen könnte, ich wünsche mir einfach, dass es noch eine Weile so bleibt, wie es ist. Ich träume auch nicht von früher: Wenn ich am Morgen aufwache, bin ich eben da, mir ist die Gegenwart wichtig. Für die Kinder, die Enkel, da habe ich schon so etwas wie einen Traum, eine Hoffnung: dass sie gesund bleiben, dass alles in Ordnung ist, dass ihnen ein Krieg erspart bleibt. Dass die gute Zeit, die wir hier jetzt haben, bleiben darf – schauen Sie, es geht uns doch so gut, wir haben doch alles, uns fehlt doch nichts.

„Familienbetrieb seit 1902“: Damit wirbt das Unternehmen „Zweirad Frenzel“ in der Markgrafenallee in Bayreuth. In dritter Generation wird der Betrieb inzwischen geführt – die zweite Generation, das waren Ursula Frenzel und ihr Mann Günther. Günther Frenzel ist 2010 verstorben, Ursula Frenzel hat kurz darauf einen Schlaganfall erlitten und ist in das Paritätische Pflegeheim gezogen, es wäre zu Hause einfach nicht mehr gegangen. Sie hadert nicht, sie sieht das Positive: Das Zimmer, das sie mit Blumen und Bildern zu ihrem Zuhause gemacht hat, das große Fenster, die Mitbewohnerin, mit der sie sich gerne unterhält: „Ich bin zufrieden mit der Zeit, die ich hier noch habe.“

Geboren wurde Ursula Frenzel 1943 in Bayreuth – „eine Ur-Bayreutherin“ –, von Anfang an verwurzelt im Stadtteil St. Georgen. Sie ist das mittlere von drei Kindern, der kleine Bruder lebt noch, die ältere Schwester ist verstorben. Für bewusste Erinnerungen an die Kriegsjahre ist Ursula Frenzel zu jung; Eindrücke der Nachkriegsjahre hingegen, Jahre der anfänglichen Not, später des wirtschaftlichen Aufschwungs, sind präsent.

Nach der Schule lernt Ursula Frenzel bei einem Reifengeschäft. Während der Ausbildung in der Berufsschule begegnet sie Günther Frenzel, die beiden werden ein Paar: „Es hat einfach gepasst.“ Ursula Frenzels Berufs- und Lebensweg ist damit vorgezeichnet: Die Mutter ihres Mannes hatte gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten das Fahrradgeschäft im Viertel übernommen, dessen Anfänge auf einen kleinen Laden in einem Kellerhof in St. Georgen zurückgehen; Standort war seit 1930 – und ist bis heute – die Markgrafenallee. Günther Frenzel zieht mit seiner jungen Frau in die darüber liegende Wohnung, steigt in den Betrieb ein und übernimmt 1967 das florierende Geschäft, das zu seinem Lebenswerk wird – und zu dem seiner Frau: „Ich bin von früh bis abends im Laden gestanden, und nachts habe ich dann die Hausarbeit gemacht“, blickt Ursula Frenzel zurück, „das war mein Leben.“ Die drei Kinder seien „eher nebenher gewachsen“, die Schwiegermutter habe da auch viel geholfen. Rund um die Uhr nur Arbeit – gab es da vielleicht auch einmal den Traum von einem anderen, einem angenehmeren Leben? „Nein“, Ursula Frenzel kennt an dieser Stelle keine Zweifel: „Ich habe eigentlich nie von einem anderen Leben geträumt. Ich würde eher sagen: Ich habe immer den Traum gehabt, dass ich genau das machen kann. Das war mein ein und alles.“

„Ihr seid nicht einfach ein Geschäft gewesen, die Frenzels, das war eine Institution“, ergänzt Gerdi Haßmann, die Ursula Frenzel regelmäßig, so auch heute, im Pflegeheim besucht. Sie hat die Seniorchefin kennengelernt, als sie selbst noch ein Kind war: „Es war in St. Georgen einfach so: Wenn du ein Fahrrad gebraucht hast, bist du zum Frenzel, wenn du ein Loch im Reifen hattest, bist du schnell hin, und immer, wenn wir Kinder vorbei sind, dann war die Frau Frenzel drin an der Kasse gestanden oder sie war draußen, hat die Blätter zusammengekehrt oder gerade die Fenster geputzt – ich habe nie gesehen, dass sie einfach da gestanden ist, sie hat immer gearbeitet.“ „Ich habe das sehr, sehr gerne gemacht“, fällt Ursula Frenzel ein, „und ich habe mir gewünscht: So soll es weitergehen, bis ich sterbe. Bis zuletzt will ich im Laden sein. Das habe ich auch immer zu den Leuten gesagt, die zu uns gekommen sind. Wir haben uns ja gerne mit ihnen unterhalten, das war damals noch ganz anders. Wenn man heute in ein Kaufhaus geht, da hat doch keiner mehr Zeit.“ „Das war es auch, was Sie und den Laden ausgemacht hat“, erinnert sich Gerdi Haßmann: „Da konnte man mit allem hingehen, du wurdest immer angenommen, es hieß: Wenn du was brauchst, gehst zu den Frenzels. Der Frenzel weiß, wo es die besten Kartoffeln gibt, der Frenzel weiß, wo du dein Geld anlegen kannst, alles eben.“

Bis zuletzt im Laden stehen: Das ist Ursula Frenzel nicht vergönnt. Da kommen zunächst die Jahre, in denen sie vor allem pflegt: zunächst die Schwiegermutter, die im selben Haus lebt und zwei Jahre lang bettlägrig ist. Kurz nach deren Tod erkrankt Günther Frenzel schwer; er verbringt die letzten eineinhalb Jahres seines Lebens weitgehend im Krankenhaus – und seine Frau mit ihm: „Ich war von früh bis abends in der Klinik, ich wusste: Ich muss jetzt einfach für meinen Mann da sein, ich muss durchhalten. Zuletzt dann habe ich gemerkt: Jetzt kann ich selbst nicht mehr. Mein Mann ist gestorben, und ich habe dann einen Schlaganfall bekommen.“ Wahrscheinlich, so Ursula Frenzel rückblickend, sei das „die Quittung“ dafür gewesen, dass sie in den Monaten und Jahren der Pflege kaum mehr auf sich und ihre Gesundheit achten konnte.

Die Folgen des Schlaganfalls machen es Ursula Frenzel nicht mehr möglich, in ihre Wohnung und in den Laden zurückzugehen. Stattdessen zieht sie – immerhin weiterhin in ihrem Heimatviertel St. Georgen – in das Paritätische Pflegeheim ein: „Ich wollte hier in dieses Heim gehen. Meine Kinder hätten mich gerne zu Hause gelassen, aber sie können es doch nicht schaffen, mich tagsüber zu pflegen, sie müssen doch auch im Laden sein.“ Ursula Frenzel sieht das Gute, das ihr bleibt: Sie freut sich über die Kinder, die Enkel, die sie jedes Wochenende hin zum Friedhof schieben, zum Grab ihres Mannes, sie genießt die Ruhe dort und das Zwitschern der Vögel, den Blick auf die Ordenskirche, „die gehört auch dazu zu mir“. Und es freut sie besonders, dass ihr Sohn Matthias und ihre Schwiegertochter Nicole das Fahrradgeschäft als Familienbetrieb weiterführen.

Wenn sie das Wort Träume hört, denkt sie dann auch an zerbrochene Träume, vielleicht an den, dass sie und ihr Mann nicht gemeinsam alt werden durften? „Ich glaube, wir haben nie soweit geträumt, gedacht. Wir haben einfach immer das Geschäft vor Augen gehabt und jeden Tag gemacht, was zu tun war.“ Ursula Frenzel überlegt: „Ich weiß nicht, wie man das am besten sagt: Mir ist die Gegenwart wichtig. Für die Kinder, die Enkel, da habe ich vielleicht schon so etwas wie einen Traum, eine Hoffnung: dass sie gesund bleiben, dass alles in Ordnung ist bei ihnen, dass sie selbst hier keinen Krieg miterleben müssen, dass ihnen das erspart bleibt. Manchmal habe ich Angst: Hoffentlich passiert den Kindern nichts – Sie sehen es ja an mir, wie das ist: Das ist von heute auf morgen passiert über Nacht, dass ich den Schlaganfall gehabt habe, und dann war alles anders.“ Ursula Frenzel schaut sich um in ihrem Zimmer. „Uns geht es doch so gut. Schauen Sie, wir haben doch alles, uns fehlt doch nichts. So sollte es bleiben.“ Vielleicht ist es das, was sie immer geschafft hat und bis heute schafft: aus dem, was ist, so etwas wie die Erfüllung eines Traums zu machen. Sich nicht in Wunschträumen zu verlieren und auch nicht in bessere Jahre zurück zu träumen: „Wenn ich am Morgen aufwache, bin ich eben da.“ Und wo sie ist, macht sie etwas daraus: „Ich bin zufrieden mit der Zeit, die ich noch habe. Irgendwann geht es mir dann nicht mehr so gut, vielleicht bin ich dann dement – aber jetzt, da ist noch ein bisschen Geist da. Und das ist meine Hoffnung: Dass es noch eine Weile so weitergeht, dass man sich unterhalten kann.“

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