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Karin Weiss

Jahrgang 1949

„Ich träume mir viele starke Menschen“

Ich sehe meine Kinder, meine Enkel, ich sehe auch die anderen jungen Leute, mit denen ich zusammen war, und ich würde mir erträumen, dass sie eine Welt haben, in der sie fröhlich, erfüllt und zufrieden leben können. Freilich: Leben ist auch Sorgen und Schaffen und Arbeiten. Aber das Leben ist ein Geschenk! Und wenn man etwas geschenkt bekommt, dann muss man es doch wertschätzen, dann muss man doch etwas Positives damit machen, auch wenn nicht immer alles toll ist. Gerade wenn man sich mühen und anstrengen muss, dann macht einen das auch stark. Ich träume mir viele starke Menschen – die dann natürlich auch für andere etwas tun können, die es nötig haben. Ganz sicher birgt jedes Leben Schwieriges – wenn hier schon alles klappen würde, hätten wir ja schon das Paradies, worauf sollten wir uns dann noch freuen?

„Wir haben doch so viel Schönes“: Karin Weiss strahlt, wenn sie erzählt von dem, was ihr Leben ausmacht: Von der Musik, von ihren unzähligen ehrenamtlichen Aktivitäten, von der Kirchengemeinde und dem Pilgern, von fernen Ländern und ihrer Verwurzelung in Pegnitz. Vor allem aber: von den Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen, kleinen wie großen. „Mit Menschen zu tun zu haben, das ist mein großes Hobby.“ Und ihre große Gabe – das spürt man.

Geboren ist Karin Weiss im Sommer 1949, ein Nachkriegskind. Sie stammt aus der Pegnitzer Bäckerei Pflaum. Als ihr Vater aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrt, gilt es, den Betrieb gemeinsam wiederaufzubauen. Auch Karin Weiss ist es von klein auf gewohnt, gemeinsam mit ihren Geschwistern mitzuhelfen; dabei versteht es die Familie, aus mancher Last auch immer wieder eine Lust zu machen: „Ich habe musikalische Eltern, ich habe von klein auf gesungen, meine Schwestern auch – und das haben wir dann auch am Samstag beim Putzen gemacht. Einmal hatte meine große Schwester gerade so eine Erweckungsphase, wir haben alle Evangelisationslieder rauf und runter gesungen, aber: grad schön war’s!“ Neben der Musik prägt die Kirche das Leben des Mädchens: Sie besucht den Kindergottesdienst, wird mit zwölf Jahren Pfadfinderin, sie liebt die festen Rituale: „Es war damals ganz normal, dass man auch auf einem Zeltlager die Stundengebete gehalten hat, das war uns wichtig, von klein auf.“ Mit Freundinnen zusammen singt sie sonntags die Liturgie – „wir kannten natürlich alle Psalmverse von der Mette bis zur Komplet auswendig.“ Ihre Liebe zu den Gottesdiensten ist im Kindesalter grundgelegt: „Schöne Gottesdienste freuen mich.“

Karin Weiss besucht die katholische Realschule in Auerbach, „wir waren ein kleines Häuflein Evangelische.“ Eine Musiklehrerin fördert sie, das Mädchen nimmt Gesangsunterricht, lernt Klavier und Gitarre. Über die Musik begegnet sie auch ihrem späteren Mann, dem Pegnitzer Kantor und späteren Kirchenmusikdirektor Roland Weiss: „Meine große Schwester ist für ein Jahr in die Schweiz und hat gesagt: Ich bring jetzt meine kleine Schwester für mich in den Kirchenchor – und, ja: Er hat sich mich bald ausgesucht.“ Über einer Einladung zum Eis kommen die beiden zusammen, „die Liebe zur Musik war sicher die Grundlage“. Die Hochzeit ist 1968, zwei Töchter kommen zur Welt, ein Sohn wird folgen. Die junge Mutter verzichtet zunächst darauf, in ihrem Beruf als Wirtschaftsleiterin zu arbeiten: „Gerade weil ich aus einem Handwerksbetrieb stamme, war mein großer Traum immer, Zeit für und mit meinen Kindern zu haben.“ Gerne Zeit mit Kindern zu verbringen – auch das ist etwas, was sich durch ihr Leben zieht: „Ich habe immer eine besondere Liebe zu Kindern gehabt, zu den kleinen ebenso wie den größeren.“ So leitet Karin Weiss über die Jahrzehnte hinweg kirchliche Kindergruppen, zeitweise drei Jugendgruppen gleichzeitig, sie ist für die Pfadfinderinnen in Pegnitz verantwortlich: „An der Struktur der Pfadfinder sehe ich den Vorteil, dass der Einzelne gestärkt wird in seinem Selbstbewusstsein und seinem Können, aber gleichzeitig die Fähigkeit trainiert wird, in der Gemeinschaft etwas miteinander zu machen.“ Bald gibt Karin Weiss auch Kurse in der Volkshochschule, sie bildet in der Berufsfachschule den hauswirtschaftlichen Nachwuchs aus – und vor allem: Sie hilft ihrem Mann auf seiner umfangreichen Stelle: „So habe ich es auch von zu Hause gekannt: Meine Mutter hat immer als gleichberechtigte Partnerin meinen Vater in seinem Beruf unterstützt.“ Karin Weiss übernimmt die Buchhaltung, sie leitet die Kinderkantorei, ruft mit ihrem Mann die bald über die Region hinaus bekannten „Pegnitzer Sommerkonzerte“ ins Leben und kümmert sich um die Musiker, die in Pegnitz auftreten: „Ich habe 35 Jahre lang so gut wie keinen Sommersonntag frei gehabt. Als wir noch kein Gemeindehaus hatten, haben die Musiker immer bei uns daheim am Esstisch mitgesessen.“ Trotzdem blickt Karin Weiss gerne auf diese Jahre zurück – neben den wunderbaren musikalischen Erlebnissen waren es die Begegnungen mit den Menschen, die ihr große Freude machten: „Und wenn die Musiker wiedergekommen sind, und ich habe noch gewusst: Ah, der eine mag Kamillentee, der andere trinkt sein Bier nicht so kalt – das hat sie einfach immer gefreut.“ Über die Musik entstehen Freundschaften, die bis heute andauern. Das gilt besonders auch für die Kontakte, die über die Partnerschaft des Dekanats Pegnitz mit dem All-Saints-Choir in Crowborough, England, entstanden sind – auch hier war das Ehepaar Weiss führend dabei.

Neues kennenlernen, andere zum Blick über die eigene Kirchturmspitze hinaus zu ermuntern: Karin Weiss erlebt die Aufbrüche in Theologie und Kirche in den 1970er Jahren mit, ist begeisterte Kirchentagsbesucherin, engagiert sich als Mitglied der bayerischen Landessynode für den neuen Arbeitsbereich Frauen in der Kirche, sie ist dabei, wenn es darum geht, neue Formate in der Kirchengemeinde Pegnitz zu etablieren – seien es die „Dritte-Welt-Partys“, der Tanz in der Kirche oder die Live-Elektronik in der Kinderkirche. Später kommt das mittlerweile legendäre Pegnitzer Frauenfrühstück dazu, das bis heute monatlich mit um die 100 Frauen stattfindet – und das auch vielen Frauen einen neuen Zugang zur Gemeinschaft im Sonntagsgottesdienst eröffnet hat: „Eine hat mal zu mir gesagt: Wenn ich heute in den Gottesdienst gehe, dann lächelt mir da eine zu, dann winkt da hinten eine, neben mir zwinkert mich jemand an – und vorher kannte ich niemanden.“

Einen Ruhestand kennt Karin Weiss, die „hauptberuflich Ehrenamtliche“, nicht: Sie sorgt für den Mittagstisch der Schulkinder, der Frauenkreis findet weiter statt, sie geht zum Singen mit den Krippenkindern, ist weiter in kirchlichen Gremien aktiv, musiziert – und dass das alles noch eine Weile so weitergehen darf, das wünscht sie sich. Überhaupt, wenn sie an das weitere Alter denkt, dann wäre eine Hoffnung, ein Wunsch, „dass ich immer einen Ort hätte, an dem ich mich austauschen kann – die Nähe zu Menschen, Gesprächspartner mit Anregungen und Ideen.“

„Eure Alten sollen Träume haben“: Die Zeitebene ist für Karin Weiss bei diesem Vers klar: „Ich denke dabei an das, was weitergeht, also nicht rückwärtsgewandt, sondern vorwärts. Ich sehe meine Kinder, meine Enkel, auch die anderen jungen Leute, mit denen ich zusammen war, und ich würde mir erträumen, dass sie eine Welt haben, in der sie fröhlich, erfüllt und zufrieden leben können. Freilich: Leben ist auch Mühen und Sorgen, keine Frage. Aber das Leben ist Geschenk. Und wenn man etwas geschenkt bekommt, dann muss man es doch wertschätzen, dann muss man doch etwas Positives damit machen, auch wenn nicht immer alles toll ist.“ Auch aus schwierigen Verhältnissen heraus könne man etwas erreichen im Leben; Karin Weiss gibt wieder, was ihr ein ehemaliger Oberforstdirektor erzählt hat: „Er hat gesagt, dass gerade die Bäume, die nicht freistehend gepflanzt sind, die sich durchschlängeln müssen, die kämpfen müssen ums Überleben, die sich strecken müssen – dass gerade diese Bäume das qualitativ bessere Holz haben.“ Karin Weiss beeindruckt dieses Bild: „Wenn man sich mühen und anstrengen muss, dann macht einen das auch stark. Ich träume mir viele starke Menschen – die dann natürlich auch für andere etwas tun können, die es nötig haben.“ Für andere, für die Erde etwas tun – „sich engagieren gegen Rassismus oder versuchen, dem Klimawandel irgendwie gegenzusteuern“. Oder dass die Rüstung abgeschafft wird, das wäre überhaupt ihr größter Traum – dass es keine Mittel mehr gäbe, dass Menschen sich über andere erheben könnten: „Sondern dass Menschen überall auf der Welt das Geschenk ihres Lebens auch leben dürfen.“ Freilich, Karin Weiss hält inne: „Ganz sicher birgt jedes Leben Schwieriges – wenn hier schon alles klappen würde, hätten wir ja schon das Paradies, worauf sollten wir uns freuen?“

Obwohl Karin Weiss ein Mensch ist, dem man die Freude an dieser Welt hier und jetzt in jedem Satz abspürt, kennt sie auch das: Die Freude auf eine kommende Welt. Einer Welt, von der Johannes in der Offenbarung sagt, dass alle Tränen getrocknet werden, kein Leid mehr ist, kein Geschrei. Das himmlische Jerusalem eben: „Der Text aus der Offenbarung wird mein Beerdigungstext.“ Und Karin Weiss erzählt davon, wie sie auf einem Kirchentag die Inszenierung dieses Bibeltextes erlebt hat – die Choreographie in einem Fußballstadion, die Tänzer, die Musik, das Bild von den Toren Jerusalems: „Gänsehautfeeling. Die Tür, die man nur noch aufmachen muss.“ Dass es einmal so eine Tür geben wird, das ist für Karin Weiss keine Frage: „Das ist nicht eventuell, sondern: Das ist so. Ich warte nur, bis die Tür aufgeht.“

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