Lebendige Erinnerungskultur

Sven Fritz: Houston Stewart Chamberlain. Rassenwahn und Welterlösung

Buchpräsentation - Einführung und Moderation: Hannes Heer

Mo 01.08.2022, 11.00 Uhr
Seminarraum im Hof, Evangelisches Zentrum Bayreuth, Richard-Wagner-Str. 24, 95444 Bayreuth

Seit genau zehn Jahren präsentiert die von Hannes Heer kuratierte und von Peter Schmidt gestaltete Ausstellung „Verstummte Stimmen. Die Bayreuther Festspiele und die Juden “ auf dem Festspielhügel die Schicksale von 53 in der Zeit des Nationalsozialismus ausgegrenzten, vertriebenen oder ermordeten jüdischen Festspielkünstlerinnen und -künstler. Der Katalog der Ausstellung demonstriert anhand von 39 weiteren Lebensläufen, warum die dort genannten jüdischen Künstler in den Bayreuther Wagner-Aufführungen der Jahre 1876 bis 1933 nicht besetzt werden durften.

Als wesentlicher Motor dieses rassistischen Programms erwies sich auch der Wahl-Bayreuther und Wagner-Schwiegersohn Houston Stewart Chamberlain. Aus einer Familie hoher britischer Kolonialoffiziere stammend, gehörte er seit 1888 zum engsten Kreis um Cosima Wagner. 1878 hatte er an der Münchner Hofoper den „Ring des Nibelungen“ gesehen, und im Juli 1882 war er in Bayreuth anwesend, als der „Meister“ mit dem Bühnenweihfestspiel „Parsifal“ der Welt sein Vermächtnis übergab. Im Juni 1888 traf Chamberlain zum ersten Mal in Dresden mit Wagners Witwe zusammen, die mit dortigen Künstlern die nächsten Festspiele vorbereitete. „Die Meistersinger“ waren Cosimas erste eigenständige und daher programmatische Inszenierung. In einem Dankesbrief aus Bayreuth charakterisierte sie die Begegnung mit Chamberlain als eine „Geschickeswendung“. Es sollte ein lebenslanger Pakt werden, dem sie verdankte, dass Wagners Erbe unangefochten in ihrer Hand blieb.

Zur Jahrhundertwende lieferte Chamberlain dem deutschen Bildungsbürgertum das Standardwerk des modernen, rassisch begründeten Antisemitismus und avancierte damit zum Star-Autor. Fortan nahm er als agiler Publizist und Einflüsterer Kaiser Wilhelms II. Einfluss auf das Zeitgeschehen und trommelte im Ersten Weltkrieg für die extreme Rechte und den Sieg Deutschlands als Weltmacht. In den Anfangsjahren der Weimarer Republik unterstützte er aktiv Hitler und die NSDAP, die Chamberlain wiederum als Vordenker der NS-Ideologie verehrten und in ihm den „Propheten“ des „Dritten Reiches“ sahen. Der Historiker Sven Fritz, selbst einer der Autoren der Ausstellung „Verstummte Stimmen“, legt nun die bislang umfassendste Biographie dieses äußerst einflussreichen Rechtsintellektuellen vor. Dabei kann er auf Grundlage ausgiebiger Recherchen im Bayreuther Wagner-Archiv sowie an zahlreichen anderen Orten auf einer bisher unerreicht breiten Quellenbasis viele sicher geglaubte Forschungsbefunde korrigieren.

Hannes Heer wird in einer knappen Einführung den besonderen Charakter von Cosimas 1888 erfolgter Modell-Inszenierung „Die Meistersinger“ skizzieren, die für Chamberlain zum Programm wurde. Anschließend präsentiert Sven Fritz dessen Biographie.

Referenten

Hannes Heer, Historiker, Hamburg
Dr. Sven Fritz, Historiker, Hamburg

Kosten

Eintritt frei, Spenden erwünscht

Mitveranstalter

Historische Verein für Oberfranken, Bezirk Oberfranken (Hauptverwaltung Kultur und Heimatpflege)

Hinweis

Über den Autor: Sven Fritz hat in Hamburg Geschichte, Musikwissenschaft und Volkskunde studiert und war anschließend Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Co-Autor der Ausstellung "Verstummte Stimmen. Die Vertreibung der Juden aus der Oper". Derzeit ist er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Neuere Geschichte der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr in Hamburg.

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