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Meta und Robert Hartmann

Jahrgang 1923 und 1925

„Dass alte Menschen weiter wahrgenommen werden“

Unsere Träume? Dass alte Menschen nicht abgeschoben werden, sondern weiter wahrgenommen werden von anderen, dass sie im Gespräch bleiben, gegrüßt werden, dass jemand merkt, wenn sie nicht mehr kommen können. Und außerdem: Dass Menschen lernen aus dem, was unsere Generation erlebt hat im Zweiten Weltkrieg. Man hat Angst, wenn man das Aufrüsten sieht, dabei hätten wir doch in Europa heute so eine feine Sache! Die Menschen sollen nicht noch einmal so schwere Zeiten erleben müssen wie unsere Generation, es soll ihnen erspart bleiben, dass Städte und Familien zerstört werden, dass sie hungern müssen. Unsere Kinder sollen in Freiheit leben ohne Angst, sollen tun dürfen, was sie gerne möchten. Ein Traum für unser eigenes Leben? Dass wir noch ein wenig gemeinsam weiterleben dürfen.

Wenn man Meta und Robert Hartmann in ihrem Wohnzimmer in Kulmbach am Tisch sitzen sieht, dann kommt einem unwillkürlich der Begriff der Gnade in den Sinn: Eine Gnade, ein Geschenk, dass zwei Menschen in diesem hohen Alter noch zusammen leben, auf über siebzig Jahre Ehe und ein reiches Leben zurückschauen dürfen. Sie haben viel auf die Beine gestellt – jeder für sich, aber auch gemeinsam, sie haben auf ihre Weise ein Stück weit das Leben in Kulmbach und der Region für viele Menschen geprägt. „Dass wir weiter noch ein bisschen Zeit gemeinsam verbringen dürfen, das wäre auch ein Traum.“

Kennengelernt haben sich Meta und Robert Hartmann in den Nachkriegsjahren. Dass sie beide die Kriegszeit überlebt haben, ist für sie alles andere als selbst-verständlich, es fallen die Begriffe Glück und Fügung, wenn sie davon erzählen.

Meta Hartmann, geborene Murrmann, Jahrgang 1923, wächst im Frankenwald auf, im Pressecker Ortsteil Schnebes. Der Vater stirbt, als sie 15 Jahre alt ist. Das junge Mädchen übernimmt viele Aufgaben, kümmert sich um die jüngere Schwester, hackt Holz. Als in Presseck Gymnasiasten aus Hamburg einquartiert werden, um sie vor den dortigen Angriffen in Schutz zu bringen, hilft Meta Hartmann in der Küche, sorgt für die Buben. Das Quartier wird aufgelöst, Meta Hartmann muss in den Fliegerhorst Memmingerberg, um dort bei der Produktion zu helfen – immer wieder unterbrochen durch die Angriffe alliierter Bomber: „Wir mussten andauernd ausreißen, es konnte nichts mehr gekocht werden, wir haben Spritzen gegen Hungertyphus bekommen.“ Eine Familie, auf deren Kinder Meta Hartmann aufpasst, nimmt sie zu sich, und schließlich schafft sie es über abenteuerliche Umwege, mit dem Fahrrad nach Hause zu kommen. Das Wiedersehen ist ergreifend: „Meine Mutter hatte ja nicht gewusst, ob ich noch lebe.“ Noch lange hatte die junge Frau mit den Folgen der Unterernährung und der Spritzen gegen Hungertyphus zu kämpfen, nur langsam erholt sie sich wieder.

Robert Hartmann, ältestes von acht Kindern, gebürtig aus der Hübnersmühle, der jetzigen Gemeinde Grafengehaig, gerät in den letzten Kriegsmonaten schwer verletzt in russische Gefangenschaft. Als er in einem Lazarett nahe Cottbus liegt, gibt ihm eine junge russische Ärztin eine Spritze gegen Wundstarrkrampf. Später, als es ihm besser geht, spricht er sie darauf an: Warum sie das getan und ihm damit das Leben gerettet habe? Er habe sie an ihren Bruder erinnert, antwortet die Frau, der sei in deutsche Gefangenschaft geraten – was wäre, wenn ihm niemand helfe? Es ist eine der glücklichen Fügungen, die Robert Hartmann in diesen Monaten widerfährt, und die er noch heute kaum fassen kann. Weitere glückliche Umstände, weitere Menschen, die ihm unvermittelt helfen, tragen dazu bei, dass auch er es schafft, nach Hause zurückzukehren und wieder ein eigenes Leben aufzubauen. Eine lange und abenteuerliche Geschichte mit Umwegen, die Seiten füllen würde – ebenso wie bei seiner Frau. Beide beschäftigen ihre Erlebnisse während des Krieges bis heute, sie sind ein nicht unwesentlicher Grund für ihr großes lebenslanges Engagement. Es ist das Gefühl, etwas Sinnvolles tun zu wollen, auch, der Gesellschaft etwas zurückzugeben, weil sie auch deshalb überlebt hatten, weil andere sich für sie eingesetzt hatten.

Nach dem Krieg kreuzen sich ihre Geschichten. Es gibt unzählige Tanz-veranstaltungen in der Zeit nach Kriegsende, „wir haben viele Jahre unserer Jugend verloren, da war so etwas wie eine Sucht nach Tanz und Vergnügen“, kommentiert Robert Hartmann. Es ist ein Sportlertanz, auf dem er, der Fußballer, der Handballerin Meta begegnet, die beiden heiraten 1947. Zum Sport, der beide verbindet, kommt bald das politische und gesellschaftliche Engagement: Robert Hartmann ruft im Kulmbacher Oberland die Gewerkschaftsjugend ins Leben, er beginnt, in der Kommunalpolitik Verantwortung zu übernehmen, in einem Zeitungsbericht wird er einmal „als die Seele der Kulmbacher SPD“ bezeichnet. Nach seiner Ausbildung in einem Textilbetrieb wird er technischer Angestellter bei der Kulmbacher Firma Heßler; das Ehepaar zieht 1956 nach Kulmbach, wenig später finden die beiden ein Haus in Ziegelhütten, in dem sie bis heute wohnen. Robert Hartmann übernimmt die Gewerkschaftsjugend Kulmbach, wird Betriebsratsvorsitzender der Firma Heßler und 1958 Vorsitzender des Stadtjugendrings; er gewinnt dabei in einer Kampfabstimmung gegen den Diakon: „Damals gab es zwei Lager: die Gewerkschaftler und die kirchlichen Vereinigungen.“ Für Robert Hartmann geht beides: Sozialdemokrat zu sein, ebenso wie seine Frau, und langjähriger Kirchenvorstand. Nun beginnt die Phase, in der Robert Hartmann und bald auch seine Frau prägende Veranstaltungen und Formate ins Leben rufen: Radfahrtage, Wanderungen, Sportveranstaltungen zwischen den einzelnen Kulmbacher Stadtteilen, die Kindererholung für sozial benachteiligte Mädchen und Buben. Außerdem die Skifreizeiten, deren Genese Robert Hartmann mit den Worten beschreibt: „Ich komme an einem Abend heim und erzähle meiner Frau, dass wir beschlossen haben, Skifreizeiten anzubieten – aber niemand will sie leiten. Ach, dann machen wir es, hat meine Frau gesagt.“ Und so geschieht es dann auch: Jahrzehntelang, bis 2003, fahren die beiden mit bis zu 100 Jugendlichen nach Südtirol. Meta Hartmann wird außerdem als Turnlehrerin eine Institution in Kulmbach, sowohl für Erwachsene beim VfB Kulmbach – die Gymnastikkurse leitet sie, bis sie 90 Jahre alt ist – als auch für Jugendliche, unter anderem als Sportlehrerin an der Realschule. Meta und Robert Hartmann engagieren sich bis ins hohe Alter in den Bereichen, die ihnen am Herzen liegen – im Sport, in der Gesellschaft, in der Politik, in der Kirche, im Gesangverein. Dann kommen allmählich die gesundheitlichen Einschränkungen, die sie dazu bringen, ihre Aktivitäten in andere Hände zu geben; dass eine Enkelin die Skifreizeiten heute leitet, freut sie sehr.

Vergessen sind die beiden nicht – vielfach wurde und wird ihr Engagement gewürdigt. Zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen wurden ihnen zuteil, Robert Hartmann, langjähriger Stadtrat und Kreisrat, erhielt unter anderem die Bürgermedaille der Stadt Kulmbach in Gold, die Goldene Bürgermedaille des Landkreises Kulmbach, die Ehrenmedaille der Kulmbacher SPD, die Ehrenmedaille des Deutschen Bundestages und das Bundesverdienstkreuz am Bande. Der lebenslange Einsatz des Paares zeigt bis heute Früchte. So bekommt Meta Hartmann noch immer Post von Buben, die sie einst im Quartier in Presseck betreut hat; viele Kulmbacher kennen das Ehepaar, verbinden Erinnerungen mit ihm, die beiden sind gern gesehene Gäste. „Wir sind überall noch ein bisschen präsent“, fasst es Robert Hartmann zusammen, und das ist auch gleich etwas, was ihm zu dem Vers „Eure Alten sollen Träume haben“ einfällt: „Dass man weiter wahrgenommen wird, im Gespräch bleibt, auch, wenn man alt ist.“ Dass es anderen Menschen auffällt, wenn man krank ist und daher beispielsweise nicht in die Kirche kommen kann. Dass man gegrüßt wird auf der Straße. Für Meta Hartmann geht die erste Assoziation zu dem Bibelvers in eine ähnliche Richtung: „Ich finde den Vers gut – weil die Alten da nicht abgeschoben sind.“ Sie werden in diesem Satz genannt, ihnen werden noch Träume zugetraut. Was könnten das für Träume sein für das Ehepaar Hartmann? Neben dem Traum von einer Gesellschaft, die alte Menschen wahrnimmt, ist es auch der Traum von einer Gesellschaft, die gelernt hat aus dem, was die alte Generation im Zweiten Weltkrieg erlebt hat. Es ist der Traum von einer Gesellschaft, die den Frieden schätzt. „Man hat Angst, wenn man das Aufrüsten sieht“, bekennt Robert Hartmann, er erschrecke davor, wie brüchig alles auf einmal wieder scheint: „Dabei hätten wir doch in Europa so eine feine Sache.“ Die Menschen sollten nicht noch einmal so schwere Zeiten erleben müssen: Krieg, die Zerstörung von Städten, von Familien, die Angst um das eigene Leben und das derer, die einem nahe sind, den Hunger. Ein Wunschtraum wäre es, dass anderen erspart bleiben möge, was Menschen ihrer Generation auch als Albtraum, als Trauma ein Leben lang begleite. Dass es die Jüngeren besser haben, als sie es in ihrer Jugend hatten, dass ihre beiden Kinder, ihre vier Enkel ihr Leben in Freiheit leben dürfen, „tun dürfen, was sie gerne möchten“, so Meta Hartmann. Schließlich seien sie ja die Zukunft.

Und ihre eigene Zukunft? Da gibt es auch noch einen Traum, den sie teilen: Dass sie noch ein wenig gemeinsam weiterleben dürfen. Und dann – gibt es einen Traum von dem, was kommen könnte, nach dem Tod? Nein, meint Robert Hartmann, da habe er keine großen Träume: „Wenn ich gestorben bin, dann habe ich meinen Dienst getan für diese Welt.“ Seine Frau ist sich da nicht so sicher: „Es könnte schon sein, dass da etwas ist. Wenn man das aus der Bibel so hört – da könnte noch etwas kommen.“ Auch, wenn freilich keiner wissen könne, was.

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Dr. Klaus Bayerlein
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