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Dr. Klaus Bayerlein

Jahrgang 1936

„Dass alte Menschen gedanklich beweglich bleiben“

„Eure Alten sollen Träume haben“: Ich sehe mich selbst eher als einen nüchternen Menschen, trotzdem spricht der Vers etwas bei mir an. Ich habe oft beobachtet, dass manche Menschen, wenn sie aus dem Beruf ausgestiegen sind, sich auf ihr enges Lebensumfeld zurückgezogen haben. Ich höre den Vers als eine Aufforderung, dass man sich auch im Alter noch mit anderen Gedanken befassen soll. Eure Alten sollen Träume haben – sie sollen weiter Ideen haben, sie sollen gedanklich beweglich bleiben und auch Erfahrungen weitergeben. Etwa, dass wir schonend mit der Umwelt, mit den Ressourcen umgehen. Träume können auch zerbrechen! Geholfen hat mir, mich den zahlreichen, auch schwierigen Aufgaben meines Lebens intensiv zu stellen, speziell auf der Basis meiner breiten Ausbildung und eines breiten Wissens – das würde ich auch jungen Menschen ans Herz legen.

Es ist ein Haus, das Familiengeschichte atmet: Das Gebäude, in dem Dr. Klaus Bayerlein, Jahrgang 1936, heute die Geschäfte der Hausverwaltung Bayerlein leitet, wurde von seinem Urgroßvater Eduard Bayerlein (1852-1913) errichtet, der in dritter Generation das Bayreuther Textilunternehmen F. C. Bayerlein führte und nach dem auch die Straße benannt ist, in dem das Haus steht. Auch dessen Sohn Adolf Bayerlein (1879-1946) schrieb auf verschiedene Weise Stadtgeschichte – so nahm er etwa in dem Büro, in dem Klaus Bayerlein heute sitzt, 1920 die Führerscheinprüfungen der Bayreuther ab. Die Lebensgeschichte von Dr. Klaus Bayerlein ist geprägt von dem Familienunternehmen, in das er neben seinem Vater Dr. Fritz Bayerlein 1963 gemeinsam mit seinem Bruder Dieter eintrat: „Freilich ahnte ich damals nicht, dass ich in sechster Generation das Textilgeschäft einmal würde beerdigen müssen.“ Den unternehmerischen Geist der Familie lebte er danach auf anderen Gebieten weiter – bis heute.

Die früheste Erinnerung setzt bei Klaus Bayerlein im Jahr 1939 ein: am 1. September, dem Tag, an dem Deutschland Polen überfiel. „Es war ein sonniger Sonntag, an dem unsere Verwandtschaft aus dem Fichtelgebirge das damals für Privatfahrten rationierte Benzin zusammengespart hatte, um uns in Bayreuth zum Nachmittagskaffee zu besuchen. Ich habe in Erinnerung, wie mein Patenonkel zu meinem Vater sagte: Jetzt geht es also los. Ich habe natürlich in dem Alter nicht verstanden, was da losging, aber es klang bedeutungsvoll für mich als Kind, und ich kann noch heute beschreiben, vor welchem Busch im Garten dieser Spruch gefallen ist.“ Es folgte eine Kindheit, die trotz des behüteten und begüterten familiären Umfelds vom Krieg geprägt war: Klaus Bayerlein erinnert sich an Jahre der Not und der Mangelerscheinungen in Bayreuth, eine Zeit der Bescheidenheit und Einschränkungen, auch, wenn es ihm und seiner Familie „relativ gut ging“: die Wohnlage am Stadtrand, die Großeltern im Fichtelgebirge als Zufluchtsort. Nicht nur der Krieg, auch das Familienunternehmen prägte sein Leben von Kind an; dass in Spinnereihallen Teile einer geheimen Rüstungsproduktion untergebracht waren, konnte er als Neunjähriger nach Kriegsende mit eigenen Augen sehen.

Klaus Bayerlein erlebte die Bombardierungen auf Bayreuth im April 1945 mit; besonders an den Angriff am 5. April kann er sich erinnern: „Wir hatten bei Voralarm schon schulfrei und rannten heim. Hier unten in der Au spielte ich im Garten in der Bayerlein-Straße und sah die ersten Bomben auf Bayreuth fallen, die schräg über die Neue Spinnerei hereinkamen und dann am Wilhelmsplatz und am Bahnhof einschlugen. Wir saßen dann stundenlang im Keller, wie ich dorthin kam, weiß ich nicht mehr. Es waren ja fünf Angriffswellen, besonders tragisch war, dass die zweite Welle viele Ersthelfer am Wilhelmsplatz erschlagen hat.“ Es folgten die Angriffe vom 8. und 11. April; danach, so erinnert sich Klaus Bayerlein, sei die Situation in Bayreuth chaotisch gewesen. Die Wohnungsnot war groß. Da das Wohnhaus der Familie Bayerlein in der Eduard-Bayerlein-Straße nicht getroffen worden war, nahm die Familie ausgebombte Spinnereimitarbeiter auf, es lebten zeitweise bis zu 21 Personen in dem Haus. Die Wohnungsnot prägte auch die Nachkriegszeit in Bayreuth, tausende Vertriebene und Flüchtlinge kamen in die Wagnerstadt: „Es gab viele Notquartiere, selbst im Festspielrestaurant waren Etagenbetten aufgestellt, dazwischen nur Stoffwände.“

Ende 1945 begann die Schule wieder. Nach der vierten Klasse kam Klaus Bayerlein auf die Oberrealschule. In seiner Klasse waren viele Vertriebene, die kaum das Nötigste besaßen. „Wir alle hatten ja nicht einmal Papier für Schulhefte, wir haben unsere Aufzeichnungen auf Papierresten gemacht.“ Beeindruckend für die Schüler waren im Sommer 1945 die Machtdemonstrationen der Amerikaner: „Eine Zeitlang kam jede Stunde eine LKW-Kolonne durch die Stadt gefahren, darauf johlende Soldaten. Was wir damals nicht durchschaut haben, war, dass es immer wieder die gleichen LKW-Kolonnen waren. Sie wurden vom Kasernenhof weggeschickt, auch, um beschäftigt zu sein.“ Nicht nur den Eindruck wirtschaftlicher Stärke vermittelten die Amerikaner dem jungen Klaus Bayerlein, auch brachten sie mit, was ihn in seiner Gesinnung prägen sollte: den amerikanischen Freiheitsgedanken und den Wert der Demokratie: „Etwas, das wir heute oft gar nicht mehr zu schätzen wissen.“ Die Erfahrungen dieser Jahre, so Klaus Bayerlein, hätten ihn zu einem liberalen Demokraten gemacht. An seiner Schulbildung schätzt er zudem, dass ihm ein weites Spektrum an Wissen auf den Weg gegeben wurde, seien es die drei Sprachen, seien es die Kenntnisse in den Naturwissenschaften: „Es ist wichtig, sich als junger Mensch breit aufzustellen.“

Nach dem Abitur war der weitere Weg der Brüder Bayerlein vorgezeichnet. „Es gab keine Diskussion“ – sie würden das Unternehmen führen, es entsprach auch ihren Interessen und Begabungen: Klaus Bayerlein, ein „Zahlenmensch“, sollte sich in den kaufmännischen Bereich einarbeiten, sein Bruder, praktisch begabt, wurde Ingenieur neben dem Vater. Nach verschiedenen Praktika, Ausbildung und Studium stiegen Klaus und Dieter Bayerlein 1963 neben dem Vater in den Betrieb ein und führten ihn damit in sechster Generation. Allerdings: Die Umstände hatten sich verändert, der Rationalisierungsdruck und die zunehmende internationale Konkurrenz veranlassten die Familie, den Spinnereibetrieb 1972 an die Kulmbacher Spinnerei AG zu verkaufen, in der Hoffnung, damit die Arbeitsplätze zu sichern. Es war kein leichter Schritt, so Klaus Bayerlein, und wenn er so etwas wie Albträume kennt, dann auch aus diesen Jahren. Er hat mancherlei Schicksalsschläge erlebt: „Träume können zerbrechen! Mir hat es geholfen, mich den zahlreichen, auch schwierigen Aufgaben des Lebens zu stellen.“ 1979 mussten die Kulmbacher die Spinnerei in Bayreuth schließen, das Unternehmen
F. C. Bayerlein war damit Geschichte.

Klaus Bayerlein hatte sich inzwischen auf den Vertrieb italienischer Garne spezialisiert, er baute diese Spezialisierung aus auf den Import mit rohweissen Baumwollgarnen aus südlichen Entwicklungsländern. 1996 beendete er aufgrund der wirtschaftlichen Umbrüche diesen seinen Garnvertrieb und führte nach dem Tod seines Vaters die Haus- und Immobilienverwaltung Bayerlein fort, deren Ursprünge auf die Verwaltung der Arbeiter-Wohnhäuser der Spinnerei zurückgehen. Er engagierte sich über die Jahrzehnte hinweg in der Industrie- und Handelskammer, im Steuerausschuss und als Handelsrichter, sein Einsatz wurde mit der Ehrenmedaillie der IHK gewürdigt. Klaus Bayerlein führt auf seine Weise fort, was ebenfalls in seiner Familiengeschichte Tradition hat: ein breites ehrenamtliches Engagement. Besonders historische und gesellschaftspolitische Belange liegen ihm am Herzen. Ein Beispiel ist sein Engagement in der bundesweiten Selbsthilfegruppe AGUS (Angehörige um Suizid e. V.), bei deren Aufbau Klaus Bayerlein einst um Hilfe in der Verwaltung gebeten wurde und die er dann zwanzig Jahre lang als Vorsitzender führte.

„Eure Alten sollen Träume haben“ – was hält er von diesem Vers aus dem Buch des Propheten Joel, aus der Apostelgeschichte? Dr. Klaus Bayerlein fühlt sich zunächst nicht unmittelbar davon angesprochen, er sieht sich selbst als nüchternen Menschen. Trotzdem findet er einen Bezug: „Ich höre den Vers als eine Aufforderung, dass man sich auch im Alter noch mit anderen Gedanken befassen soll. Eure Alten sollen Träume haben – sie sollen weiter Ideen haben, sie sollen gedanklich beweglich bleiben und auch Erfahrungen weitergeben.“ Klaus Bayerlein tut beides: Er liest historische Bücher, berufsbedingt nimmt er zudem weiter an wirtschaftlichen Prozessen teil. Der Euro beschäftigt ihn: „Meine Studienanfänge waren geprägt von der Einführung der DM und von dem Bestreben, sie stabil zu halten – das ist das Gegenteil dessen, was heute in Europa praktiziert wird. Insofern denke ich viel nach aus dem Erlebten.“ Und Klaus Bayerlein gibt weiter, welche Schlüsse er aus den Erfahrungen seines Lebens zieht, in öffentlichen Zeitzeugengesprächen, aber auch immer wieder im persönlichen Kontakt mit anderen Menschen. Er spricht über das, was ihm am Herzen liegt: den Wert der Demokratie etwa oder den achtsamen Umgang mit der Umwelt und den natürlichen Ressourcen: „Ich fahre in der Stadt möglichst mit dem Fahrrad.“ Er habe oft beobachtet, so Klaus Bayerlein, dass manche Menschen, wenn sie aus dem Beruf ausgestiegen seien, sich auf ihr enges Lebensumfeld zurückgezogen hätten. Vielleicht lässt sich der biblische Vers mit Dr. Klaus Bayerlein auch so deuten: Dass alte Menschen angeregt werden, die Ideen, die sie aufgrund ihrer Lebenserfahrung heute haben, mit nachfolgenden Generationen zu teilen – und damit auch das, was Hoffnung geben kann.

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