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Seinen Anfang hat dieses Projekt in einem Pflegeheim genommen: Vor mir, der Pfarrerin, sitzen bei der wöchentlichen Andacht gut vierzig alte Männer und Frauen. Ich blicke in ihre Gesichter und verspüre einmal mehr den Wunsch, in ihnen lesen zu können: Welche Geschichten verbergen sich wohl hinter diesen Menschen – Kriegs- und Nachkriegskinder, die die Schrecken des Zweiten Weltkriegs zumindest mittelbar ebenso erlebt haben wie den Aufschwung der Wirtschaftswunderjahre bis hin zur digitalen Revolution unserer Tage? Wie haben diese Frauen und Männer Höhen und Tiefen der Geschichte unseres Landes erlebt, welche familiären Tragödien oder Glücksmomente haben sie geprägt – und gibt es so etwas wie eine Quintessenz aus einem langen Leben? Einen Schatz an Erfahrung, Lebensweisheit, allzu oft nicht geborgen?

Alle diese Gedanken bewegen mich nicht zum ersten Mal, diesmal aber beginnen sie Gestalt anzunehmen – nicht zuletzt deshalb, weil die Fotografin Martina Schubert dazu stößt, und die Idee damit zum Projekt wird mit dem Ziel, die Geschichte von Menschen dieser Generation ins Gespräch zu bringen und das, was sie weitergeben können, unter einer inspirierenden Perspektive aufzugreifen. Ein Bibelvers fällt uns zu: „Eure Alten sollen Träume haben“. Ein Vers, der im Buch des Propheten Joel steht, dann in einer Predigt des Petrus in der Apostelgeschichte. Ein Vers, der auf die letzten Dinge verweist – den Alten, so verheißt er, werden Träume und Visionen zuteil von einer kommenden Welt. Ein Interviewpartner wird es mit den Worten formulieren: „Ein Gefühl, wie auf Weihnachten zuzugehen: Dass man so etwas Schönes geschenkt bekäme, dass den Alten ein Aufschließen der Zukunft über einen Traum geschenkt wird.“

„Eure Alten sollen Träume haben“: Ein Vers, an dem wir hängenbleiben, auch und gerade, weil er ambivalente Gefühle weckt, auch provoziert: Das Wort „alt“ ist in einer euphemistischen Begriffs-Welt der „Silver Agers“ und Hochbetagten wunderbar ehrlich, schonungslos: Irgendwann ist man alt, der Großteil eines Lebens ist erzählt. Damit schwindet in diesem Vers aber nicht die Würde der so Bezeichneten, ganz im Gegenteil: Wer alt ist, wer auf ein langes Leben zurückblicken kann, wird durch einen Traum ausgezeichnet.

Träume – auch das ein vielschichtiger  Begriff, der nicht nur positiv besetzt ist: Möchte man das eigentlich: Ein Träumer sein? Klingt das nicht naiv? Und dann wieder merken wir, wie inspirierend der Begriff auf Menschen wirkt, weil er eine schwer in Worte zu fassende Leichtigkeit birgt, „eine Leichtigkeit auf dem Weg zum Himmel“, wie eine Interviewpartnerin sagen wird. Träume, Hoffnungen, Verheißungen – das Thema wird für uns zum Bindeglied zwischen den Generationen. Was träumen Sie, was träumen wir, und was hat unsere Biographie mit dem Inhalt der Träume zu tun? Der Traum als Anstoß dazu, ins Gespräch zu kommen über das, was war – und über das, wonach wir uns sehnen.

„Eure Alten sollen Träume haben“: Wir haben 13 Menschen, darunter ein Ehepaar, nach ihren Lebensgeschichten, ihren Träumen und Hoffnungen gefragt und sie in Wort und Bild portraitiert. Sechs Frauen und sieben Männer der Jahrgänge zwischen 1923 und 1950 aus den unterschiedlichsten familiären und beruflichen Kontexten. Sie setzen jeweils unterschiedliche Schwerpunkte, wie und mit welchem Fokus sie von ihrem Leben erzählen. Das Thema Träume durchzieht manchmal eine ganze Lebensgeschichte gleichsam als roter Faden, dann wieder kommt es als eher nüchterner Ratschlag, quasi als verdichtete Erfahrung, zum Ausdruck. Manchmal sind Bezüge zu großen Visionären da, dann wieder träumt jemand ganz persönlich. Ob Unternehmer, Musikerin, „hauptberuflich Ehrenamtliche“, Ordensschwester oder Kommunalpolitiker  – in aller Unterschiedlichkeit ist den Interviewpartnern eines gemeinsam: Sie haben uns etwas zu sagen und inspirieren uns, zu träumen von dem, was sein könnte auf dieser Welt. So haben wir es für uns erlebt.

Wir danken den Interviewpartnern dafür, dass sie sich eingelassen haben auf dieses Projekt und den Bibelvers. Für uns waren die Begegnungen mit ihnen ein Geschenk. Für wichtige Impulse gerade in der Anfangsphase des Projekts danken wir Gerdi Haßmann, Nicole Haßmann, Heike Komma und Ruth Scheil.  Weiter danken wir all denen, die sich für dieses Projekt begeistert haben und seine Inhalte weitertragen in Generationengesprächen, Workshops, Konzerten, Lesungen und Kunstprojekten. Exemplarisch sei hier das „Träume-Ensemble“ des Bayreuther Kreativladens Rote Katze e. V. erwähnt, das als Bestandteil der Ausstellung die Besucher zum Träumen einlädt. Dank sagen wir auch den Gastgebern, die uns ihre Räumlichkeiten für unsere Ausstellung zur Verfügung stellen. Dem Team des Evangelischen Bildungswerks Oberfranken-Mitte e. V. sei Dank für alle Unterstützung, ideell wie zeitlich. Irina Lauterbach von der Bayreuther Werbeagentur Feuerpfeil danken wir für die graphische Gestaltung. Wir danken dem Kulturfonds Bayern dafür, dass er unser Projekt in sein Förderprogramm aufgenommen hat, und der Sparkasse Bayreuth für den finanziellen Beitrag zu diesem Ausstellungskatalog.

Angela Hager und Martina Schubert

Dr. Angela Hager, Jahrgang 1976, ist Pfarrerin und Studienleiterin am Evangelischen Bildungswerk Oberfranken-Mitte e.V.; sie hat die Texte verfasst. Martina Schubert, Jahrgang 1974, ist Fotografin und engagiert sich als Prädikantin, dabei auch in der Altenheimseelsorge.

Gefördert von:

Liebe Leserin, lieber Leser,
als wir unser Projekt „Eure Alten sollen Träume haben“ konzipiert haben, wussten wir vor allem eines: Es sollte ein generationenübergrei-fendes Projekt sein – wir wollten gemeinsam träumen, hoffen, uns aus unseren Lebensgeschichten erzählen und uns gegenseitig dabei zuhören. Genau das ist im ersten Ausstellungsjahr auf wunderbare Weise gelungen. Jetzt ist alles anders: Die momentane Situation lässt kein unbeschwertes Zusammensein zu. Und so gehen wir neue und andere Wege, um auch mit unserem Projekt zu versuchen, weiter Gemeinschaft zu pflegen. „Lebensgeschichten und Hoffnungen alter Menschen“: So lautet der Untertitel unserer Ausstellung. Nun hat auch bei unseren InterviewpartnerInnen ein neues Kapitel ihrer Lebensgeschichte begonnen. Wie gehen sie damit um und was möchten sie uns und anderen Menschen in dieser Situation mitgeben? Lesen Sie einige Stimmen dazu in diesem Begleitbrief.

Theo Knopf

Jahrgang 1935

Theo Knopf

„Hoffnung“, so hat es Václav Havel  ausgedrückt, „ist nicht die feste Zusage, dass etwas gut ausgeht, sondern dass etwas Sinn macht, egal wie es ausgeht“. Umso mehr habe ich die Hoffnung, dass spätestens jetzt alle Völker und deren Machthaber ihr verantwortungsvolles Handeln auf Frieden und Wohlergehen der Menschen ausrichten. Ergreifend, wenn Menschen in die „Ode an die Freude“, dem Ideal einer Gesellschaft gleichberechtigter Menschen, die durch das Band der Freude und Freundschaft verbunden sind, einstimmen. Täglich sehen wir nie gekannte Bilder, und niemand scheint diese hochansteckende Krankheit aufhalten zu können. Mit dem Kirchenlied „Ein feste Burg ist unser Gott“ möchte ich Ihnen allen Mut und Hoffnung machen. Bleiben Sie gesund!

Karin Weiss

Jahrgang 1949

Karin Weiss

In dieser wirren Zeit spüre ich, wie achtsames Wahrnehmen und Staunen mich immer wieder zu einer großen Dankbarkeit führen.  Sei es die Fürsorge und Freundlichkeit anderer Menschen, sei es die erwachende Natur mit all ihren Schönheiten oder das Bewusstsein einer guten Situation. Die Dankbarkeit wärmt und erfüllt mein Herz, stärkt mich und meinen Glauben und gibt mir Hoffnung auf eine entspanntere Zeit. Das wünsche ich Ihnen auch von ganzem Herzen! Ein Lied, das ich früher mit den Kindern gesungen habe, ist mir in den Sinn gekommen: „Sei getrost und unverzagt, freue dich an deinem Leben; denn Gott hat dir zugesagt, dich mit Liebe zu umgeben. Blühe auf in seinem Licht, sei getrost, fürchte dich nicht. Blühe auf in seinem Licht, sei getrost, fürchte dich nicht.“

Dr. Einhard Weber

Jahrgang 1940

Dr. Einhard Weber

Jetzt wissen wir, was eine Krise ist. Aber weil unsere medizinische Versorgung gegenüber anderen Ländern hervorragend ist und die Politiker erstaunlich rational reagieren, haben wir es alle, wenn wir keine geliebten Menschen verloren haben, noch immer sehr gut. Ich wünsche diesem Land eine lange und gute Zukunft; aber das wird nur möglich sein, wenn jeder von uns auf unnötigen Konsum verzichtet und die Umwelt deutlich weniger belastet.

Sigrid Böhmer

Jahrgang 1936

Sigrid Böhmer

Mein Prinzip heißt: Viel Bewegung in frischer Luft. Auch die Musik hilft mir. Was mir fehlt, sind Orchester- und Chorproben. Ich vermisse auch die Gottesdienste in den Kirchen. Fernsehen und Rundfunk schaffen auf ihre Weise Abhilfe. Empfehlenswert finde ich, dass man sich erinnert an das, was man schon alles geschafft und erlebt hat – und sich darüber freut! Meine Gedanken wandern zu den Menschen, die anderen in diesen Tagen helfen, im Krankenhaus, im Altenheim, im Supermarkt, als Lastwagenfahrer. Ich wünsche, dass nach der Krise wesentliche Verbesserungen für sie einsetzen. Hoffnung haben, positiv denken, sich über die Natur freuen – und auch: den Humor nicht verlieren, etwa, wenn die Besuche fehlen. Karl Valentin wusste da Abhilfe, als er – wenn auch sicher mit einer Träne im Auge – sagte: „Heute mache ich mir eine Freude und besuche mich selbst. Hoffentlich bin ich zu Hause.“

Schwester Gisela

Jahrgang 1941

Schwester Gisela

Geplant war das Musical ‚Martin Luther King‘. Realität wurde die Isolation. Mein Koffer war schon zum Familienfest gepackt; er wartet geduldig, und ich? Jetzt im Rückblick wird mir bewusst, wie mein Berufungswort „sei getrost, fürchte dich nicht“ mich durchträgt. Es hält den Stürmen stand – damals, heute und morgen. Die Tagesstruktur der Gebetszeiten wird immer kostbarer und existentieller. Gott ist da, und seine Gegenwart umhüllt und durchdringt mich und jeden von uns, wie die Luft, die wir atmen. Ich danke jedem Einzelnen in allen Altersgruppen für dieses starke einander Tragen und Zueinanderstehen!

Helmut Hofmann

Jahrgang 1941

Helmut Hofmann

Vom fitten Pensionär zur Risikoperson. Risiko für mich – oder ich für die anderen? Merkwürdig ruhig bin ich, nicht sorglos, aber nicht panisch verängstigt. Wer früher hörte „Die Pest ist da!“, der hatte kaum eine Chance zum Überleben. Heute fühle und sehe ich, dass diesem aggressiven Coronavirus Grenzen gesetzt sind durch die heutige Medizin. Gott sei Dank! In den letzten Jahrzehnten haben mich zwei Lieder begleitet. „Ausgang und Eingang…“ (EG 175) und das Lied „Ich möcht, dass einer mit mir geht…“ (EG 209). Die sind mir beide gerade sehr wichtig. Die Grenzen meines Lebens liegen nicht in meiner Hand. Und die Zeit dazwischen? Ich hoffe und vertraue darauf, dass die aktuellen Wochen für mich nicht nur ängstliche Warte-Zeit, nutzlose Zwischen-Zeit, sondern gefüllte, erfüllte Zeit sind.

Rosi Heller

Jahrgang 1950

Rosi Heller

Mir geht es soweit gut, allerdings vermisse ich meine Freunde, die ich zur Zeit wegen Corona nicht persönlich treffen kann. Das ist sehr schade! Ich bleibe zu Hause in meiner Wohnung, damit ich gesund bleibe, telefoniere viel und schreibe kleine Briefchen – so bleiben wir in Verbindung. Ein Wort aus der Bibel hilft mir gerade: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Ich glaube daran, dass Gott so stark ist, uns durch diese schwere Zeit zu tragen, er schaut auf uns. Wir gehen nicht verloren, das kann uns trösten. Passen Sie alle gut auf sich auf!